Chaos

Momentan scheint unser Land eher einem Bienenstock zu gleichen, in welchem Lausbuben mit kleinen Stöckchen heftig herum stochern, als einer demokratisch regierten Gesellschaft.

Zu viel ist offen, zu viel ist unklar, zu viel ist unausgesprochen und brennt trotz allem vielen Menschen unter den Nägeln. Ich werde das Gefühl nicht los, als breite sich das Chaos mehr und mehr aus. Damit meine ich, das innere Chaos, welches mehr und mehr Menschen befällt, verunsichert, lähmt und vielleicht sogar depressiv macht, ebenso wie das äußere Chaos, welches ein geordnetes abarbeiten der Tagesordnung nahezu bremst, wenn nicht gar vollkommen aushebelt.

Jeden einzelnen Menschen beschäftigen hunderterlei verschiedene Dinge. Am Ende des Tages steht jedoch immer wieder die gleiche Frage – wie wird es weiter gehen – . Geht es überhaupt weiter? Ja natürlich aber wohin?

Täglich strömen zahllose Informationen und Eindrücke auf uns ein, die uns kaum noch zur Ruhe kommen lassen. Gedanken drehen sich, greifen ineinander, verzweigen sich und irgendwie scheint der rote Faden im Labyrinth zu fehlen, an welchem es gilt entlang zu gehen – entlang zu leben.

Zu viele offene Baustellen lassen uns kaum die Möglichkeit einen Anfang zu finden, diese zu beheben. Bund, Länder, Kommunen alle bauen irgendwie an irgendwas herum nur wird nicht mehr klar woran genau da herum gedoktert wird.

Es scheint keine Konstante mehr zu geben, heute ist es so aber morgen kann es schon ganz anders sein, weil die Firma pleite geht in der man bisher gearbeitet hat, weil der Partner krank wird und es gilt einen Haufen Papiere auszufüllen bevor ihm geholfen werden kann. Irgendwie ist auf nichts mehr wirklich verlass.

Menschen streiten sich, weil einer dem anderen den Dreck unter den Nägeln nicht gönnt, Familien brechen auseinander, weil sie dem äußerlichen Druck nicht mehr stand halten können, Kinder haben Wünsche – hören immer öfter ein NEIN als ein JA. Jugendliche wissen kaum etwas mit sich anzufangen, weil versäumt wurde Perspektiven zu schaffen, die man aktuell auch nicht bieten oder aufzeigen kann.

Kann man heute noch einen Umzug wagen oder sollte man die Finger davon lassen, weil die Miete morgen vielleicht schon als unangemessen eingestuft werden könnte.

Es knackt und knistert im Gebälk und atemlos scheinen viele darauf zu warten, wann das Gebäude einstürzen wird. Doch wann dies geschieht und was danach sein wird, man kann es sich nicht einmal mehr ausmalen oder gar schönreden.

Das Haus – Deutschland – ist instabiler als je zuvor und an ein Haus – Europa – denken viele mit Entsetzen oder Vorbehalten. Viele offene Fragen, viel Unsicherheit und die Politik steht tatenlos daneben – so zumindest der Eindruck.

Eine Bevölkerung, die starr wie ein Kaninchen vor der Schlange hockt und darauf wartet, dass es endlich vorbei sein mag.

Ein Albtraum – Mein Albtraum.

… oder einfach nur ein Gefühl … oder eben … Geschirrspülgedanken und alles ist ganz anders … schön wär’s ja!

Synapsenfasching

Zwei Fotos + jahrzehntealte Erinnerungen + Assoziationen = Synapsenfasching zur Geisterstunde.

oder

Wie man zur Geisterstunde seinen ganz privaten Horrorfilm sieht.

Der Mensch träumt und das ist normal. Manche erleben in ihren Träumen intensive Gefühle, sehen fabelhafte Bilder, können unglaubliche Dinge tun. Andere träumen und können sich daran am nächsten Morgen nicht einmal mehr erinnern.

Ich träume oft, viel, intensiv, manchmal bunt, manchmal in Farbe, oft sogar in Fortsetzungen. Und manchmal ist es nicht einfach nur der ganz normale Wahnsinn, sondern der blanke Horror.
Drehbuchautoren großer Kinoproduktionen würden sich nach meinen Träumen – die Finger lecken – und Filmproduzenten würden – allein inhaltlich betrachtet – den nächsten Kinokassenschlager produzieren.

Letzte Nacht hatte ich also wieder einmal das zweifelhafte Vergnügen in meinem Traum Zuschauer und Akteur gleichermaßen zu sein. Es war, wie so oft bei Unfällen, man möchte nicht hinsehen tut es am Ende aber doch.

Ich befand mich im Badezimmer meiner Wohnung. Einer Wohnung, die ich vor Jahrzehnten mein zu Hause nannte. Das Badezimmer, ähnelte einem Schlauch und am Ende des Schlauches ein Fenster. Links unter dem Fenster, die Toilette. Genau gegenüber, etwas mehr als eine Oberschenkelspanne entfernt, die Waschmaschine. Zwischen Waschmaschine und Wand, eine Lücke, bedingt durch den Fliesensockel am Fußboden. In diesem Zwischenraum stand eine alte Styroporplatte – keine Ahnung, was die dort zu suchen hatte. Vollkommen unnütz, das Ding.

Ich denke, ein Umzug stand an, denn ich war gerade dabei die Waschmaschine von der Wand zu rücken. Die Styroporplatte kippte und plötzlich rieselten Spinnen, Spinnen, Spinnen dahinter hervor. Keine von der Art, wie wir sie hier in unseren Breitengraden kennen.
Es muss die komplette Verwandschaft – noch dazu – auch die entlegendsten Verwandschaftgrade, von Tarantula gewesen sein. Sie liefen und rieselten aus ihrem Versteck hinter der Styroporplatte ohne Unterlass. Ekel kroch mich an so unermesslich, dass ich glaubte mich übergeben zu müssen. Nach kurzem Erstarren begann ich die Viecher zu zertreten, es knackte und klatschte, krabbelte und matschte. Ein riesen Schlachtfeld entstand in Sekundenschnelle. Trotz aller Bemühungen, je mehr ich zertrat um so mehr rieselten aus der Wand.

Ich sah von oben an mir herunter, sah meine Schuhe und meine Beine und um mich herum diese behaarten Spinnenkörper. Manche waren erträglich klein, andere so groß, dass sie, als ich sie zertrat unter meinem Schuh hervorquollen. Wieder andere waren viel größer als mein Fuß. Mein Glück – ich trug Turnschuhe an meinen Füßen!

Plötzlich hielt ich eine Flasche Insektenspray in der Hand – kann ich zaubern im Traum? Offensichtlich ja – Ich sprühte und sprühte, sah den feinen Nebel des Sprays in Zeitlupe auf die Spinnen sinken. Diese rollten sich zusammen, für einen kurzen Moment. Sie schienen betäubt, nicht tot. Nach kurzer Zeit entrollten sie ihre Beine und begannen erneut um mich herum zu wimmeln. Es nahm kein Ende.

Angeekelt und schweißnass erwachte ich endlich und schaute auf die Uhr. Ein Uhr nachts – der Spuk war vorbei ebenso wie die Geisterstunde.

Ich hoffe nur, dass meine Nachbarn nicht wach wurden als meine Dusche lief.

Traumsymbol – Spinne

… “Im Traum ist die Spinne aber auf jedem Fall ein ernst zu nehmendes Gefahrensymbol.“ … “ … viele Spinnen sehen – verkündet Sorgen und Leid …“ …

Manchmal sind Träume nur Schäume, manchmal eine nette Unterhaltungssendung in der Schlafphase und manchmal ist ein Traum nur ein Traum.

Ich werde sehen, was in nächster Zeit unmittelbar um mich herum passiert oder eben nicht passiert. Vielleicht bin ich ja nun ein wenig wachsamer als ohnehin schon.

Schön, dass wir mal darüber geredet haben!

Täglicher Wahnsinn

Es gibt Tage und Nächte, die vergehen nahezu ohne besondere Auffälligkeiten außer dem sich ohnehin täglich wiederholenden Wahnsinn. Und dann gibt es Tage und Nächte da möchte man laut schreiend einfach nur noch davon laufen.

Laut schreien, geht nicht – man könnte die Nachbarn aus dem Schlaf reißen. Weglaufen wird auch immer schwieriger – man weiß nicht mehr so richtig, wohin. Vermutlich von einem Elend ins andere oder eben ins absolute Chaos.

Ich möchte das nicht! Ich will meine heile Welt behalten! Durch meine rosarote Brille schauen, auf dem Sofa herum lümmeln und Chips knabbern bis mich der Infarkt hinweg rafft.

Warum gönnt mir das keiner!? Warum werde ich belästigt mit Krieg, Leid, Trauer, Ungerechtigkeit und allem Übel dieser Welt außerhalb meiner vier Wände? Lasst das doch mal sein! Wie – Nein – ? Geht nicht? Aha! Warum!?

Nachdem der zweite Weltkrieg beendet war – und jeder weiß, dass er für Deutschland ziemlich unrühmlich ausging – musste die Bevölkerung ihr gesamtes Leben neu aufbauen. Gewissermaßen aus den Trümmern, die ihnen blieben, neues und vor allem lebenswertes Leben schaffen. Man raffte sich auf, spuckte in die Hände und begann mit der Arbeit.

Diese Aufbauarbeit nahm einen großen Teil der Bevölkerung derart in Anspruch, ließ sie schwitzen bis zur körperlichen Erschöpfung und manchen bis zum eigenen Zusammenbruch, mit dem Ziel etwas gutes zu erschaffen, nach all dem Leid und Greuel der vergangenen Jahre. Sie waren beschäftigt, hatten gut zu tun und vergaßen über all der Arbeit den Blick auf jene zu richten, die ihnen diesen Schlammassel eingebrockt hatten.

Man wollte vergessen, nach vorn schauen und die Politik tat alles, dafür notwendige um einen reibungslosen Ablauf zu sichern. Natürlich baute auch die Politik fleißig mit. Nur offensichtlich nicht am selben Haus sondern – hinter verschlossenen Türen – an einem vollkommen anderen Konstrukt.

Nahezu unbeobachtet und in aller Stille formierte sich ein Dienst, der gedacht war für Aufklärung zu sorgen und augenscheinlich alles dafür tat um zu verschleiern, zu verstecken, über allem ein Tuch des Schweigens auszubreiten. Ein dunkles, nahezu undurchsichtiges Tuch unter welchem man sich selbst und andere grandios aus dem Blick der Öffentlichkeit ziehen konnte.

Der BND – einer Krake gleich – saugte er in der Zeit des Aufbaues Information, Kraft und Gefährlichkeit aus den kruden Ideen des Nationalssozialismus. Man warb alte und vor allem gefährliche Nazis um nicht auf ihr Wissen verzichten zu müssen. Einer Zecke gleich, installierte sich dieses Konstrukt und sog sich voll mit dem Blut von Millionen. Nahezu unbeachtet unkontrolliert. Anstatt zu bekämpfen wurde forciert und gedeckt. Jahrzehnte später – die Zecke war nach wie vor drall und voll – wiederholte sich die Geschichte unter nahezu ähnlichen Vorzeichen.
Man warb ehemalige Stasi-Größen um “wertvolles“ Wissen nicht verloren gehen zu lassen.

Aufarbeitung? Keine Spur! Wie verrottet muss ein System sein, welches innerhalb kurzer Zeit ein und dieselben Fehler zulässt, stützt und ungestraft existieren lässt? Aus der Geschichte lernen – Wir? – Niemals!

… Geschirrspülgedanken … ich kann mich irren … und sicher ist alles ganz anders in der Welt … vielleicht nehme ich nur seltsame Dinge wahr, die in gar keinem Fall existieren … weil nicht darüber gesprochen wird … kann gut sein …

Lustlos

“Ich habe heute so richtig viel Lust.“

Lust worauf? Auf gar nichts! Draußen grau, drinnen grau, alles grau. Kann nicht am Wetter liegen, Wetter ist Wetter, mehr nicht. Daher wird es wohl an mir liegen.

Uns Frauen wird oft und gern nachgesagt, wir würden mit wachsender Begeisterung – shoppen – gehen. Aha, so, so, shoppen also. Was ist das? Ich gehe einkaufen und das war es dann auch schon. Das tue ich, wenn es notwendig ist, wenn ich etwas brauche, fertig.

Wie erklärt sich daher dieses – shopping – Phänomen? Was ist das, was Frauen so umtreibt, sie rastlos durch Strassen und Geschäfte rennen lässt, ihnen ein verzücktes rollen mit den Augen entlockt oder mehr. Was treibt den Adrenalinspiegel derart in die Höhe beim – shoppen -?

Glitzer, Glimmer, Flimmer und flaches Musikgedudel in den Tempeln der vermeintlichen Glückseligkeit. Ich persönlich kann dem nichts abgewinnen und kann es nicht wirklich nachvollziehen. Bin ich weniger Frau als andere? Fehlt mir das Konsum-Gen? Wenn ja, warum?

Warum versetzen uns Tüten, Täschchen, Beutelchen derart in Extase, noch dazu wenn wir sie selbst schleppen müssen? Wühltische, übervolle Regale für mich ein unübersichtlicher Dschungel des Überflusses, eine totale Reizüberflutung.
Was bewegt uns dazu den 37. Lippenstift zu hamstern, das 48. paar Schuhe oder das 65. T-Shirt. Muss man das alles haben, haben, haben wollen? Ich bin ratlos und total aufgeschmissen, finde keine Erklärung.

Wenn ich mir überlege, dass man oft nur mal eben ein Brot vom Discounter holen will und sich plötzlich hinter einem halb vollen Einkaufswagen wieder findet, fasse ich mir ab und an selbst an den Kopf und frage mich – Was machst du da eigentlich? – Da kann Frau oder vielleicht auch Mann noch so viele Einkaufszettel schreiben, nutzt alles nichts, bringt nichts. Letztendlich landet ein Haufen Mist in der Einkaufstasche, den man weder braucht noch dringend haben muss.

So stelle ich mir das beim – shoppen – auch vor. Allein die Menschenmenge in sogenannten Shopping-Malls bereiten mir mehr als Unbehagen. Was da so an mir vorbei hetzt, gestresst, genervt, mit glasigem Blick. Gruselig, einfach nur gruselig.

Letztens habe ich irgendwo gehört und dann nachgelesen – 100 Dinge – reichen zum alltäglichen Leben. Alles andere ist unnötig. Keine Ahnung, ob das stimmt. Ausprobiert habe ich es noch nicht, doch wenn ich mich hier in meiner Hütte so umsehe, gibt es so einige Dinge, die zwar vorhanden sind aber nichts können außer herum zu stehen.

Vielleicht geht es ja auch wieder einmal lediglich darum, den Blick für’s Wesentliche neu zu finden, weil alles schon zur alltäglichen Routine geworden ist. Schränke ausmisten im Frühjahr soll ja – befreiend – wirken. Oder auch alles, was man länger als ein Jahr nicht angezogen hatte bzw. nicht in den Händen hielt – kann weg.

Kann, könnte, sollte, würde, wollte. Sind wir tief in unserem Inneren nach wie vor die Sammler, die Horter, die Haben-Woller? Steckt ein Messie in jedem von uns? Was lässt uns klammern an Hab und Gut ohne Sinn und Verstand?

… Fragen … Fragen … Fragen … vielleicht finde ich ja wenigstens ein paar Antworten, wenn ich noch ein Weilchen weiter Geschirr spüle …

Geschichtenerzählerin

“Du bist eine Geschichtenerzählerin“ hörte ich erst letztens wieder jemanden zu mir sagen. “Wie machst du das?“

Ja, ich bin eine Geschichtenerzählerin, obwohl ich persönlich für mich die Bezeichnung – Bauchschreiberling – gewählt habe, denn ich kann die Geschichten lediglich aufschreiben jedoch nicht laut vortragen oder erzählen. Eher würde ich im Erdboden versinken, denn ich bin viel zu schüchtern.
Und machen, mache ich gar nichts. Sie kommen zu mir, die Geschichten. Es ist ihnen egal zu welcher Tages.- oder Nachtzeit, darauf nehmen sie keine Rücksicht. Sie kommen einfach und bleiben bei mir, bis ich sie aufgeschrieben habe. Dann verabschieden sie sich freundlich von mir und ziehen hinaus in die Welt. Ab und zu treffe ich einige von ihnen wieder, andere sehe ich nie mehr.

Es ist schwierig zu beschreiben, wie so etwas funktioniert und ich bin mir fast sicher, jedem Geschichtenerzähler geht es anders. Vielleicht hilft Euch ein Bild, zu verstehen, was da passiert.

Also stellt Euch einfach vor, ein kleines Mädchen sitzt auf einer Parkbank und beobachtet die Menschen im Park. Wie sie gehen, wie sie stehen, allein oder zu zweit, mit ihrem Hund oder wie sie einen Kinderwagen vorbei schieben. Das kleine Mädchen sieht aus, wie Pipi Langstrumpf. Sie hat lustige Sommersprossen, eine Zahnlücke, wenn sie den Kopf neigt, wippen die Zöpfe. Und es ist ihr vollkommen egal ob sie einen bunten Ringelstrumpf am linken Bein trägt, während ein lustig gepunkteter Strumpf an ihrem anderen Bein seinen Platz gefunden hat.
Sie hat ein kleines Gefäß in den Händen, gefüllt mit ganz normaler Seifenlauge, einen Strohhalm hat sie auch. Der ist an einem Ende etwas eingeschnitten und sternenförmig nach außen gebogen. Das gibt phantastische Seifenblasen. Sie sitzt einfach da und lässt schillernde Seifenblasen tanzen. Dann streckt sie die Hand aus und wartet, bis sich eine Seifenblase darauf niederlässt ohne zu zerplatzen. Und eben in dieser Seifenblase sieht sie die Geschichte. Sie sieht Bilder, die sich aneinander reihen, dazu hört sie die Worte, welche die Figuren auf diesen Bildern wechseln, alles fließt alles entwickelt sich.
Wäre sie bereits erwachsen, hätte sie das Gefühl, als säße sie in einem wahnsinnig großen Kinosaal. Um sie herum eine Leinwand, 360 Grad, und sie selbst mitten drin. Ein Panoramakino, noch dazu in 3 – D und Stereo. Faszinierend und wunderschön!
So aber ist sie einfach nur ein kleines Mädchen, welches tanzenden Seifenblasen zusieht, bis sie zerplatzen. Wenn sie genug mit den Seifenblasen gespielt hat, geht sie nach hause und schreibt mit noch etwas ungelenker Schrift einfach auf, was sie sah.

So einfach entstehen Geschichten und das Leben erzählt sie am schönsten, wenn man nur genau hin hört und hin sieht.

Später, wenn das kleine Mädchen einmal erwachsen sein wird, wird sie nur noch ab und an auf der Parkbank sitzen und Seifenblasen bei ihrem Tanz zusehen. Dann wird sie nach hause gehen, Geschirr spülen und noch viele Geschichten zu schreiben haben, denn im Lauf der Jahre ist so einiges passiert, was es verdient hat aufgeschrieben zu werden.

Trümmerfrauen

Noch vor Monaten war das Geschirrspülen ein lästiges jedoch notwendiges Übel für mich. Inzwischen liebe ich es regelrecht, denn es ist der Moment in dem meine Gedanken fließen, während meine Hände etwas ganz anderes tun. Da sich mein Spülbecken direkt am Fenster befindet, sehen meine Augen alle möglichen Dinge, welche der Lebensfluss an meinem Fenster vorbei strömen lässt. Das Fenster ist offen und die Melodie des Alltags swingt. Manchmal rappt sie auch, wenn der Dönerschmied nebenan geöffnet hat.
Spüle ich abends, höre ich oft nur den Wind, wie er mit den Blättern spielt und sie säuseln lässt.

Gedanken fließen, Hände tun, Augen sehen, Ohren hören.

Gemeinsam mit meinen Gedanken kommen Bilder, sie ziehen an meinem inneren Auge vorbei. Ich kann sie nicht beeinflussen, nicht anhalten. Es gibt kein – stand by – also muss ich sie ziehen lassen. All diese Bilder wirken auf mich. Wären meine Gedanken im selben Moment Sprache, dann wären die Bilder sogar mit Ton unterlegt. Doch im Grunde braucht es das nicht. So wie es ist, ist es gut. Es erzielt seine Wirkung auf mich und hallt nach.

Heute, gerade als ich das Wasser ins Spülbecken laufen ließ, war mein erster Gedanke – Trümmerfrauen – und gleich darauf sah ich sie.

Die vielen, meist zierlichen Frauen, gezeichnet von schlaflosen Nächten. Ihre Augen oftmals ohne Glanz, ihre Haut sonnenverbrannt, die Hände rissig oder mit Blasen übersät. Ihre Kleidung verschlissen oder gar vollkommen zerlumpt. Einige dieser Frauen zogen Bollerwagen hinter sich her, vollgepackt mit Steinschutt. Andere beluden gerade ihre Bollerwagen und wieder andere irrten durch die Trümmer der Strassenzüge. Sie suchten nach Dingen, welche man noch zu irgend etwas gebrauchen konnte. Manche saßen erschöpft auf Steinbrocken, unterhielten sich verhalten miteinander und beobachteten ihre Kinder, wie sie nebenan im Dreck spielten.

Meine Generation kennt sie noch, die Trümmerfrauen. Sie, die damals kaum ruhten, die arbeiteten bis zum umfallen, die Kinder groß zogen und in Sorge um sie waren. Trümmerfrauen, die sich vor Erschöpfung kaum auf ihren Beinen halten konnten, kaum zu essen hatten und ihre Kinder dennoch versorgen mussten.
Es sind unsere Mütter oder Großmütter, die wir heute pflegen oder in Heime bringen müssen, weil wir die Pflege nicht mehr allein bewältigen können.

Und da, ganz plötzlich sehe ich noch mehr – Trümmerfrauen -. Manche von ihnen sind in meinem Alter, einige sind jünger und ein paar andere sind noch sehr jung.
Irgendwie passen sie nicht so richtig in das Bild und dennoch sind sie da.

Frauen, die vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens stehen. Ihre Männer haben sie verlassen, nicht weil sie in den Krieg zogen, sondern weil ihnen jüngere Frauen einfach besser gefielen. Oder aber weil sie keine Lust mehr hatten, mit der Frau welcher sie einst die große Liebe schworen, mit der sie eine Familie gründeten, weiterhin durch’s Leben zu gehen, aus Angst etwas anderes, wichtigeres zu verpassen.
Frauen mit ihren Kindern, die dazu verdammt sind auf sich selbst gestellt zu sein. Den Alltag zu händeln, zu arbeiten, für die Kinder zu sorgen, sich selbst dabei oftmals vergessend oder ganz und gar aufgebend.

Die Trümmerfrauen von heute, hier bei uns im Land, müssen keine Steinbrocken mehr schleppen, sich nicht mehr die Frage stellen ob – ER – auf irgendeinem Schlachtfeld bleibt oder irgendwann doch wieder vor der Tür steht. Keine Angst mehr davor haben, versehentlich auf einen Blindgänger zu treten, der ihnen Arme oder Beine weg reißt.

ER hat sich heutzutage längst aus dem Staub gemacht. ER könnte ja für seine Kinder sorgen, wenigstens finanziell, wenn er nur wollte. ER könnte sie unterstützen und entlasten auch wenn sie kein Paar mehr sind. Doch ER bevorzugt nur all zu gern und all zu oft den bequemen und einfachen Weg. Dabei ist IHM nicht klar, was er aufgibt, verliert und für immer zerstört.

Die Trümmerfrauen von heute sind damit beschäftigt Anträge auszufüllen, Belege zusammen zu suchen und zu kopieren. Papiere, die nötig sind um zu überleben, und doch im Grunde auch als ein Beleg der eigenen Hilflosigkeit gelten.
Sie müssen den Stempel des Versagens auf ihrer Stirn dulden, der sich eingebrannt hat. Nicht sichtbar aber schmerzlich spürbar.
Sie müssen so tun als sei alles in Ordnung allein deshalb damit ihre Kinder den Mangel nicht zu spüren bekommen.
Sie müssen arbeiten, zuhause, in der Firma, für ihre Kinder.

Sie müssen sich bemühen stark zu sein, kraftvoll, gut gelaunt, dynamisch und nach Möglichkeit sollten sie dabei noch gut aussehen.

Kurzum, sie müssen funktionieren. Und das tun sie auch, so lange es geht, mit all ihrer Kraft räumen sie Steine beiseite, ebnen Wege, bauen an einer Scheinwelt, bis hin zur seelischen und körperlichen Erschöpfung.

Der Anlass als – Trümmerfrau – zu agieren und zu funktionieren mag sich gewandelt haben, doch es gibt sie nach wie vor und mitten unter uns, nur heute nennt man sie – Alleinerziehende -.